Undercolor Diary macht die Dokumente von Ereignissen politischer, gesellschaftlicher, kultureller oder privater Art zu künstlerischen Objekten – was die Ereignisse zelebriert und gleichzeitig ihre gehabte Wichtigkeit relativiert.

Zunächst arbeitet Jean Etienne A. diese Aktualitäten oder Erinnerungen detailliert auf und dokumentiert sie akribisch. Hunderte von Artikeln aus der Weltpresse im Falle eines politischen Vorfalls, lückenlos jeder Beleg, jedes Ticket, Fotos, Ortspläne, Menuekarten, Einkaufstüten einer Reise, alle Wochen- und Aufgabenblätter mit tausenden von Einträgen zu Terminen und Pendenzen einer Jahresagenda, sämtliche Gegenstände eines Referates, vom MacBook bis zur Büroklammer, 89 Sound-Kassetten eines Teenagers – und so fort.

Danach collagiert er diese Originaldokumente der Ereignisse – worauf als letzter, alles völlig verändernder Akt diese Collagen vollständig übermalt werden. Also unter Farbe, halbtransparent oder deckend, wieder "verschwinden", sozusagen abgelegt und verinnerlicht – um als innerer Wert der äusseren Erscheinung weiter zu wirken.

Das Resultat sind monochrome Tableaux von plakativer Signalwirkung und gleichzeitig erzählerischer Dichte. Auf den ersten Blick nicht alles preisgebend lassen sie bei jedem Betrachten wieder Neues entdecken. Weshalb sie auch nicht nur einen Titel mit dem Ereignisdatum tragen: Vom sofort Sichtbaren bis zum nur noch 

Erahnbaren listet Jean Etienne A. alles,was darin verarbeitet ist (und man damit bekommt), in detaillierten Bildbeschrieben auf – als integrierter Bestandteil des Verständnisses dieser Arbeiten in ihrem Kontext.

Diese Werkreihe, die man auch als Chronik in Farben bezeichnen könnte, entzieht sich dem heute verbreiteten Symbolismus-Diktat. Das Bild will einzig das darstellen, was es ist und enthält. Ansichten des "New Realism" werden so kombiniert mit einem eigenen kontemplativen Duktus. Dies in einem konsequent handwerklich-malerischen Stil, "no computing, all hand-made". Die spürbaren Leim-, Roller- und Pinselspuren akzentuieren denn auch den Gemäldecharakter.

Aus Gründen der Authentizität geht Jean Etienne A. die formale Komposition bewusst selektiv an. Die Zufälligkeit einer Presseauslage (News) wird durch eine sparsame Struktur angereichert, die Ordnung einer Sammlung (Estrich) durch gezielte Eingriffe aufgebrochen. Die Anhäufung von Objekten (Alltag) ist zugleich lebendige Momentaufnahme und verdichtetes Arrangement.

Das Thema "Undercolor Diary" eröffnet ein beinahe unerschöpfliches Spektrum an Anwendungen, die acht Serien und 40 Werke unterscheiden sich vielfältig. Vom Todestag von Steve Jobs in der Press-Art-Serie "News" bis zum urbanen Trip in der 3D-Serie "Städte": Weltbewegende Ereignisse werden da genauso dokumentiert wie autobiografische Momente aus dem vollen Leben.

Alle Acryl auf (z.T. 3D-)
Collage auf Leinwand
oder MDF
2011/12/13.

Beschrieb und Signatur
auf Rückseite – und als
separates Dokument.